Freitag, 18. Juni 2010

Eine Seite aus meinem (nicht existenten) Tagebuch

Heute ist etwas passiert, was mich zum Nachdenken gebracht hat.

Kaja und Teresa haben heute ihren Vortrag über Tee und Teezeremonie gehalten. Der Vortrag an sich war total gut und informativ, wobei ich aber dummerweise fast eine Art Disput ausgelöst habe.

Es ging um die Komplexität der Teezeremonie und allen drum ran. Schon seit langem bin ich der Meinung, dass die japanische Teezeremonie mit jetzt mal aus meiner Sicht gesehen, ihrer verfestigten Form, dem steifen Ablauf, der vorgegebenen Ästhetik keinen Sinn hat. Wobei hier „sinnlos“ vielleicht das falsche Wort ist, (natürlich sind die lange Geschichte der Teezeremonie und die zen-buddhistischen Gedanken dabei sehr lehrreich)ich meinte damit, dass der ganze ritualisierte Prozess einem etwas falsch oder mal ein böses Wort „möchte gern“ mäßig vorkommt. Zum Beispiel: man muss die antiken Tee-Utensilien benutzen, die haben so und so auszusehen, das Wasser muss so und so sein, Gäste werden so und so bewirtet.

Meine Kritik daran oder wie man’s nennen möchte, ist, dass die Teezeremonie zur Zeit von Sennorikyuu vielleicht noch Sinn ergeben hat, („sinn ergeben“ ist vielleicht hier auch wieder zu viel gesagt, immerhin geht es nur um das Teetrinken, aus so einer simplen Handlung muss man nicht extra noch was ausdenken und das ganze verkomplizieren) aber dem heutigen Zeitgeist nicht mehr angepasst ist und viele Menschen die Teezeremonie oder sonstige anderen traditionellen Künste zu hoch schätzen oder als sehr sehr wertvoll oder geheimnisvoll erachten(ich meine hier keines Wegs, dass man auf Traditionen pfeifen soll, die Informationen über die Werte oder Denkweise oder Schönheitsempfindung der Menschen von damals, die damit überliefert werden, sind sehr wertvoll, damit die Entwicklung der Menschheit nicht zu willkürlich aus der Bahn gerät.), man sollte aber nicht vergessen, diese ganzen traditionellen Künste waren früher aber auch nur zum Zweck der Unterhaltung oder des Zeitvertreibs da. Ich denke, viel anders als das Fußballspiel war das nun auch wieder nicht. Nun kann man natürlich Fußball auch als ästhetisch empfinden(das meine ich nicht ironisch, wirklich. Wenn man dran denkt, dass es dabei nicht nur ums Ballkicken und Torschießen geht, sondern viel mehr um Spieltechnik und Gewinnstrategie.), so wie jede andere Kunst oder Sportart.

Aber mal böse gesagt, blindlings einfach nur weil’s cool, exotisch oder weil alle anderen das ganze als ästhetisch oder tiefsinnig betiteln, das dann auch toll zu finden, ohne den wirklichen Sinn zu verstehen, finde ich unüberlegt und banaler ausgedrückt dumm („dumm“ ist ein zu starkes Wort dafür, wenn jemand sich angegriffen fühlt, entschuldige ich mich hier für, ich meinte eher „unreif“) Eine Anekdote in Tsuretsuregusa, die ich heute gelesen habe:

Irgendein ehrwürdiger Prediger hat bei seiner Arbeit auf einem Tempelgelände die Steinlöwen ( koma inu) in einer unüblichen Stellung vorgefunden . Anstatt gegenüberstehend oder geradeaus schauend stehen die Steinlöwen da mit dem Rücken zueinander. Dann ist der Prediger zu Tränen gerührt und glaubt, dass da eine tiefere Bedeutung dahinter stecken muss, dass die Stellung der Löwen so anders ist. Er weist die, die zu seiner Predigt gekommen sind, daraufhin, dass das mit der unüblichen Stellung der Löwen sicher irgendwas an sich hat. Und die anderen sind dann auch überzeugt davon und sehr gerührt. In seinem Eifer sucht der Prediger sich einen alten und weise aussehenden Mönch dieses Tempels aus und fragt ihn nach dem tieferen Sinn dahinter. Der weise Mönch meint, dass das total unmöglich sei, dass man die Steinlöwen verstellt hat, das sei bestimmt ein Streich von den Lausbuben und geht selber hin und verschiebt die Steinlöwen wieder auf die richtige Position. (jetzt fällt’s mir auf… die Teile sind doch schwer oder nicht…)

Aber auf der anderen Seite bin ich vielleicht diejenige, die dumm ist. Ich kann die Ästhetik hinter der Teezeremonie nicht als solche empfinden. Es stellt keine Ästhetik für meinen Geschmack dar, wenn ich daran denke, dass man uns darauf hinweisen musste, worauf man zu achten hat. Man sollte auf das Blumenarrangement oder die Schriftrolle schauen, den Garten betreten und wenn die Steine nicht angefeuchtet sind, das für furchtbar halten. Bei der Teezeremonie zunächst die Süßigkeit essen und dann den Tee trinken. Und wenn man fertig ist die Schale in die Hand nehmen und einmal drehen, da an dem Rand wo man mit dem Mund hingekommen ist abwischen und dann die Schale in die Hand nehmen und angucken und schön finden(was mir immer misslingt, weil für mich eine Schale einfach nur eine Schale ist, von mir aus kann die auch aus Plastik in Wert von 100 yen sein und das ist immer noch eine Schale.) So wie ich es verstanden habe, hatte der „erste“ Teemeister Sennorikyuu mit seiner Zeremonie zu seiner Zeit also paar hundert Jahre früher die Menschen von damals mit Tee bewirtet und gleichzeitig ihnen eine Art Lektion erteilen wollen, und zwar: die Schönheit liegt in der Einfachheit oder Schlichtheit(in diesem Punkt finde ich ihn widersprüchlich in sich selber oder dem Image, wie er sich vllt. Gerne gesehen hätte. Das was er geschaffen hat war eben nicht wirklich einfach und schlicht, das hat nur den Anschein, schlicht zu sein, also im Prinzip wieder „möchtgern“. Ich meinte dabei die Tatsache, dass er sich extra die Teeschalen für seine Zeremonie von jemandem hatte anfertigen lassen und zwar sollen diese nämlich genau nach seinem Geschmack schlicht wirken.). Man sollte dabei beachten, dass das ganze zeitlich schon ziemlich weit weg zurücklag und das, was für Rikyuu und die Menschen damals einfach und schlicht, also was im Grunde genommen alltäglich und gang und gäbe war, heute nicht so ist. Die Zeit ändert sich, heutzutage ist es eben nicht „schlicht und einfach“ sich ein bestimmtes Wasser aus Brunnen zu holen oder im Kimono zu erscheinen… …

Ok eben ist mir die Erleuchtung doch noch gekommen, da mir das Stichwort „Verwestlichung“ eingefallen ist. Bis lang habe ich einen wichtigen Aspekt raus gelassen, und zwar die japanische Mentalität. Wenn man an die japanische Mentalität denkt, die so wunderbar in ihrer Art sich zu stylen(Stichwörter: jap. Frauen, Make-up, modebewusste Männer), in der Sprache(Stichwort: Höflichkeitsfloskel) oder allgemein in ihrer Gesellschaft(Stichwort: Schul/Berufslaufbahn) spürbar ist. Im Grunde genommen ist das jap. Volk ein „Möchtgern“-Volk, dabei streich ich erstmal die negative Konnotation aus dem Wort „Möchtegern“ raus, ich meine es hier weder positiv noch negativ(wobei ich Möchtgern-Menschen, das Musterbeispiel dafür Gackt , persönlich eher weniger mag… und in dem Punkt möchte ich mich nicht mit Valerie streiten, ich find ihn lächerlich und mal böse gesagt dämlich Punkt…nach dem ich diese 3.Reich + ScienceFiction + Emo-Geschichte – Hörspiel-Story erzählt bekommen bzw. das Booklet selber durchgelesen habe, fühl ich mich in meiner Meinung um so mehr bestätigt. Wenn Gackt die ganze 3.Reich-Scheiße, was er da produziert hat, tatsächlich ernst meint und nicht aus reinem kommerziellen Zweck für die unwissenden Fans geschrieben hat, dann tut es mir Leid sagen zu müssen: Wie blöd kann man bitte sein? ). Zurück zum Thema jap. Möchtgern-Mentalität. Die Japaner scheinen Zeremonien und verkomplizierte Rituale und Schnickschnack eben aus diesem Grund zu mögen. Die wollen was anderes sein, was besonderes, besseres. Ich deute hier mal auf die meisten Japaner, Japanerinnen, die sich die Haare braun oder blond färben, oder die, die sich ordentlich oder unordentlich viel Schminke auftragen. Ferner scheint das tatsächlich Tradition zu sein, dass sie Vorschriften und Verkomplizierungen des Lebens als Ästhetik zu empfinden oder zu betrachten(und wenn einer das macht, machen alle da mit). Bereits in der Heian-Zeit also gut 1000 Jahre zurück hatten die feinen Damen und Herren am Kaiserhof in ihren mehr lagigen Kimonos(bei den Frauen 12), die nach einer bestimmten Farbkombination und Reihenfolge(anderen Falls sei es nicht „ästhetisch“) angezogen werden, sich aus „Langeweile“ Verhaltensregeln oder Lebensart ausgedacht. Wie war das mit dem „unbeliebten Lover“ in Makura no sôji, wenn der Mann in der Morgendämmerung die Frau verlässt, und dabei nach seinen Sachen auf dem Boden sucht und sich noch unordentlich angezogen und eilig von der Frau verabschiedet, mit tausend Entschuldigungen und Wiedersehensversprechen, wird er als ungeschickt und hässlich eingestuft, ein richtiger Lover macht folgendes: er steht auf und lässt seine Sachen erstmal liegen oder macht sich elegant zu recht, wartet bis zum Sonnenaufgang und nach dem er seine Bedauern für die zu kurze Nacht ausgedrückt hat und einige male nach der Frau zurück geschaut hat, darf er endlich gehen. Zuhause angekommen setzt er sich sofort hin, egal wie müde er ist, und schreibt ihr ein schönes Gedichtchen in schöner Schrift. Und das sollte für die heian-zeitlichen Adeligen die Liebe sein. ..

1 Kommentar:

  1. Verzeihung, ich habe jetzt Lust das ausgiebig zu kommentieren, da ich ja die Debatte im Unterricht verpasst habe :) Wenn ich also irgendwas sage, was schon gesagt wurde - ist es weder meine Schuld noch mein Problem *lol

    "Die Schönheit liegt in der Einfachheit oder Schlichtheit(in diesem Punkt finde ich ihn widersprüchlich in sich selber oder dem Image, wie er sich vllt. Gerne gesehen hätte. Das was er geschaffen hat war eben nicht wirklich einfach und schlicht, das hat nur den Anschein, schlicht zu sein, also im Prinzip wieder „möchtgern“. Ich meinte dabei die Tatsache, dass er sich extra die Teeschalen für seine Zeremonie von jemandem hatte anfertigen lassen und zwar sollen diese nämlich genau nach seinem Geschmack schlicht wirken.)"

    Wie du selber irgendwo anders in deinen Überlegungen geschrieben hast; ich glaube, diese Wahrnehmung der ritualisierten Schritte als Ästhetik muss man als eine Art Zeitreise verstehen. Vielleicht zu einem ästhetischen Stilempfinden, das der japanischen Kultur eigen ist.
    Wenn man sich auf die einzelnen Bestandteile besinnt, sind diese, wie ich finde, sogar ziemlich schlicht: Wasser auf einem Stein, ein Stück Keramik, eine kleine Süßigkeit... Das stark ritualisierte Tamtam und die Strenge, mit der es verfolgt wird, lenkt uns vielleicht davon ab.


    "Zurück zum Thema jap. Möchtgern-Mentalität. Die Japaner scheinen Zeremonien und verkomplizierte Rituale und Schnickschnack eben aus diesem Grund zu mögen. Die wollen was anderes sein, was besonderes, besseres."

    Ein Punkt, in dem ich dir widersprechen würde. Was wir als Westler hier erleben (und nicht verstehen), ist eine starke Präsenz einer Kultur, die wir so von Zuhause nicht kennen. Es gibt Vergleichbares nicht oder kaum in Europa oder Amerika, deswegen sind wir wohl schnell dabei das abzutun, weil uns der Sinn dafür fehlt. Die Japaner dagegen haben es nicht nur geschafft, Jahrhunderte alte Sitten und Bräuche zu bewahren, sondern auch Respekt und Wertschätzung dafür. Und ihre ursprüngliche Kultur weitestgehend möglich in den Alltag zu integrieren. Sicher, die "alten Meister" beschweren sich drüber, dass die jungen Leute nicht mehr im Seiza sitzen können und von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, aber vergleich das trotzdem mal auch nur ansatzweise mit uns, da ist von Kultur im Alltag wenig zu sehen. In Europa ist Kultur eine Kirche oder ein Dom, der vierhundert Jahre rumsteht und wo ein toter Jesus drinhängt. Hier dagegen gehen Leute zu Tempeln und Schreinen, lernen teilweise noch die traditionellen Künste, und haben glaub ich ein viel größeres Bewusstsein für all das.


    "Ferner scheint das tatsächlich Tradition zu sein, dass sie Vorschriften und Verkomplizierungen des Lebens als Ästhetik zu empfinden oder zu betrachten(und wenn einer das macht, machen alle da mit)."

    Wie gesagt, vielleicht fehlt uns hier nur einfach das Verständnis für die japanische Ästhetik. Das wir auch im Rahmen unseres Programms und unserer beschränkten Zeit hier nicht entwickeln können. Ich glaube, da muss man sehr viel mehr Zeit hier verbringen, auf eine andere Art als wir, wir sind ja im Prinzip auch nichts weiter als Hardcore-Touristen für fünf Monate. Und man muss sich, glaub ich, sehr viel ausgiebiger und tiefer mit Japan beschäftigen, als wir das tun (selbst der ambitionierteste Teeschüler und die krassesten Mangafans der Klasse..).

    "Und das sollte für die heian-zeitlichen Adeligen die Liebe sein."
    ...Is doch heute nicht anders :) ich mag Manieren bei Männern...hihi

    Ich verlink dich mal mit dem Eintrag in meinem Blog, wenns recht ist *g

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